Schulprojekt: "Miteinander-Füreinander"
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen (Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen).1. Wie war die Ausgangslage? Woher kommen Anstöße und Initiativen?
In Deutschland gibt es ca. 7-8 Mill. Behinderte. Die meisten von ihnen sind körperbehindert. Aber solche Zahlen sind schwer festzulegen, denn es gibt viele Behinderungen, die man nicht sieht und die darum auch schwer zu ermitteln sind. So gibt es ganz unterschiedliche Handicaps, z. B. hirnorganische Schäden, Körperbehinderungen, Sinnesstörungen und Lernbehinderungen. Leider sind auch viele junge Menschen betroffen und oftmals isoliert und mit ihren Sorgen und Nöten allein.Dieser Problematik stellte sich das Gymnasium Schloß Wittgenstein und initiierte 1989 das in Deutschland einmalige Schulprojekt "Miteinander-Füreinander" im Rahmen des Schulprogrammes "Soziales Engagement".
Praktiziert wird das Projekt sowohl am Gymnasium als auch in der Schloßberg-Klinik, der neurologischen Fachklinik für MS- und Parkinson-Kranke in Bad Laasphe. Gemeinsame Zielsetzung ist über den Unterricht hinaus, u. a. den Schülern und Schülerinnen ein besseres Verständnis im Umgang mit behinderten Menschen zu vermitteln und soziales Lernen zu fördern. So sollen Vorurteile abgebaut, Toleranz und Akzeptanz gestärkt werden. "Werteerziehung" ergänzt den Unterricht, um die Schüler und Schülerinnen stark zu machen, auch "nein" zu Gewalt zu sagen. Denn Gewalt entsteht nicht isoliert, sondern aus Konflikten heraus. Verständnis füreinander soll helfen, Konflikte nicht in Gewalt umschlagen zu lassen. Verständnis gerade gegenüber den Schwächeren, Behinderten in der Gesellschaft ist erlernbar, wenn die Probleme der Anderen erlebt werden.Aus diesem Grund sind projektorientierte, außerschulische Veranstaltungen, die aus dem Religions- und Sportunterricht erwachsen, ein sehr wichtiger Bestandteil im Schulalltag. Durch den bisherigen sehr positiven Verlauf dieser Begegnungen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sind die Hospitationen der Schüler und Schülerinnen in der Schloßbergklinik fest in den Lehrplan des Gymnasiums Schloß Wittgenstein integriert. Sie wurden verbindlich ab Klasse 9 festgelegt.
Ausdrücklich wird dieses zusätzliche außerschulische Engagement in den neuen Richtlinien im Fach Religion angesprochen und als sehr bedeutsam eingestuft. Der Schüler A. Becker fasste seine Erlebnisse wie folgt zusammen: Anfangs seien ihm die Übungen im Rollstuhl mit den Patienten komisch vorgekommen und anstrengend für die Muskulatur gewesen. Die Erkenntnis, dass man sich im Leben gegenseitig unterstützen und gerecht werden müsse, sei ihm im Laufe der Hospitationen immer mehr ins Bewusstsein gekommen.
In die Projektarbeit einbezogen sind das Kreissportamt Siegen-Wittgenstein, die DMSG NRW, der Bundesverband der DMSG, die DMSG Hessen, Handel und Gewerbe, Eltern und Ehemalige und die Medien/Presse. Die Kooperation ist bisher so erfolgreich, dass man sagen kann, dass das Gymnasium Schloß Wittgenstein hier beispielgebend ist. Der Gewinn einer Zusammenarbeit beider Gruppen, Behinderte und Nichtbehinderte, liegt sowohl in der Förderung von Dialogbereitschaft und Erfahrungsaustausch als auch in der sachgemäßen Würdigung der anderen Positionen und bewussten Idendifikation. Die Kooperation leistet so einen sehr wichtigen Beitrag zu wechselseitigem Verstehen, zu gegenseitiger Achtung und Toleranz.
So wurde dann auch dieses Projekt am 11.6.1995 innerhalb eines Magazins im MDR ausgestrahlt. Darüber hinaus stellte das ZDF am 6.4.1996 das Schulprojekt im Rahmen der Sendung "Mach mit" bundesweit vor.
2. Welche Aspekte stehen gegenwärtig im Vordergrund?
Im Vordergrund der Hospitationen stehen gemeinsamer Rollstuhl-, Kegel- und Schwimmsport. Für die erbrachten Leistungen erhält jeder Teilnehmer bzw. jede Teilnehmerin den "Rollstuhlführerschein" erster, zweiter oder dritter Klasse. Darüber hinaus steht die Entwicklung des integrativen Modells im Rahmen der Schulprogrammentwicklung. Außerdem liegt der Schwerpunkt der Zusammenarbeit mit der Kommune-"Dt. Städtetag" und dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (GÖS) in Soest. Zusätzlich werden im fächerübergreifenden Unterricht projektorientierte Thematiken aufgearbeitet und besprochen (beteiligte Fächer: SP-RE-POL-BIO).Mittlerweile hat man eine gemeinsame Rollstuhlbasketballmannschaft gegründet und trägt Freundschaftsspiele und Turniere aus. In einer vierwöchigen schulinternen Vorbereitung lernen die Jugendlichen einiges über den Rollstuhlsport und über eine dem Krankheitsbild entsprechende Sporttherapie bei Multiple Sklerose Erkrankten. Im Anschluss an die Hospitationen in der Klinik erfolgt dann eine gründliche Nachbereitung im Unterricht und in der schulinternen Rollstuhl- sport-AG. Was auf dem Lehrplan trocken erscheint, ist ein Projekt, das niemanden emotional unberührt lassen kann, weder die Schüler und Schülerinnen noch die Erkrankten.
Mit der Auszeichnung "Schule des Jahres" erhielt das Projekt 1997 eine wohlverdiente Ehre. Im Verlauf der Ausstellung "lnterschul 1997" in Berlin hat sie sich auf Bundesebene in einem Wettbewerb für diese Auszeichnung qualifiziert; das Engagement und die besondere Leistung der Schule wurde in der Sparte "Soziales Lernen" besonders hervorgehoben.
Zur Zeit planen Schüler und Schülerinnen und Projektleiter für die Stadt Bad Laasphe einen Stadtführer für Behinderte.
Unter dem Motto Verantwortung übernehmen für die eigene Gesundheit wurde am Ende des letzten Schultages ein erster Gesundheitstag am Gymnasium Schloß Wittgenstein installiert. Fachreferenten, Schüler und Schülerinnen der Klassen 8 bis 1 0, Lehrkräfte und Eltern gestalteten aktiv mit. Verantwortung bei den 14 bis 17-jährigen Jugendlichen wecken, Fingerzeige geben und auf falsche Verhaltensmuster aufmerksam machen - diese Zielsetzung lag der Veranstaltung zugrunde.
Als Partner dabei waren das Jugendrotkreuz der Lahnstadt, die Drogen- und Suchtberatung des Diakonischen Werkes, eine Ernährungsberaterin, eine Psychologin, eine Krankengymnastin und die Barmer Ersatzkasse. Im Rotationsverfahren - jede "Station" wurde klassenweise absolviert - konnte den 100 Schülerinnen und Schülern in Diskussionsrunden und aktivem Eingreifen wie Rollstuhlhandhabung, Rollstuhlsport, Entspannungsübungen oder der Zusammenstellung eines gesundheitsbewussten Frühstücks eine transparente Sicht des Gesundheitsbegriffes vermittelt werden. Unterstützung fanden die Gesundheitstage auch bei der Elternschaft, die das partnerschaftliche Miteinander mit außerschulischen Funktionsträgern begrüßten. Nach Analyse und Bilanzierung der Aktion streben die Organisatoren an, den "Gesundheitstagen" einen festen Platz im Schulprogramm des Gymnasiums Schloß Wittgenstein zuzuweisen.
3. Wie ist der Zusammenhang zwischen sport- und außerunterrichtlichen Aktivitäten?
Neben dem traditionellen Sportunterricht am Gymnasium Schloß Wittgenstein wurde seit einigen Jahren eine Rollstuhlsport-AG ins Leben gerufen. Hier spielt der Behinderten-Sport eine große Rolle. Ein bis zweimal in der Woche treffen sich in zwei Gruppen ca. 36 Schüler und Schülerinnen, um nach dem Unterricht Rollstuhlgebrauchsschulung, Rollstuhlsport, Rollstuhlbasketball, -Badminton und -Handball zu spielen. Mit dabei sind auch oft Multiple Sklerose Pati- enten aus der Schloßbergklinik in Bad Laasphe. Es werden Patiententurniere, sowie Turniere mit Schülermannschaften veranstaltet. Nicht unerwähnt bleiben darf die materielle Ausstattung. Ständig sind einige Rollstühle in der schuleigenen Turnhalle deponiert, um diese u. a. dann auch einmal im Sportunterricht zum Einsatz kommen zu lassen (z. B. Basketball/Rollstuhlbasketball). Dabei werden auch andere behindertensportartspezifische Geräte eingesetzt. Also dient auch der traditionelle Sportunterricht u. a. der Vorbereitung auf die Klinikhospitation.
Natürlich kommt dabei der Aspekt des "Sozialen Lernen" voll zur Geltung. Sportfeste und Begegnungen mit Gehandikapten und Nichtgehandikapten während der Sportprojektwoche runden das Bild ab.So leistet der Sportunterricht einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz- und Toleranzstärkung. Inzwischen melden sich immer mehr freiwillige Schüler und Schülerinnen, angeregt durch Sportunterricht und AG-Arbeit, um mit Behinderten gemeinsam Sport zu treiben oder einfach mit ihnen zusammenzusein, z. B. bei Seminaren für Multiple Sklerose Patienten der DMSG mitzuwirken.
4. Wie ist die Vernetzung mit anderen Schwerpunkten der Schulprogrammentwicklung?
Das Projekt: "Miteinander - Füreinander" ist ein fester Eckpunkt im Schulprogramm des Gymnasiums Schloß Wittgenstein (Soziales Engagement/Soziale Verantwortung). Dabei spielt der Aspekt fächerübergreifendes Arbeiten und Lernen in den Fachbereichen Sport, Religion, Biologie und Politik/Sozialwissenschaften eine große Rolle. Folgende Vernetzungen mit anderen Schwerpunkten der Schulprogrammentwicklung sind zu nennen: Zusammenarbeit mit den Arbeitsgruppen "Gesundheitstage, Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung", Drogenprophylaxe, Drogenberatung und Gewaltprophylaxe und "Ehemalige beraten Schüler" ("Ehemaligentreffen"). Die Einbeziehung der Eltern ist dabei eine wesentliche Komponente. Natürlich hat der Aspekt: "Öffnung von Schule" dabei einen hohen Stellenwert.5. Wie ist der Fortgang der Entwicklung sichergestellt bzw. organisiert?
Nach jeder Hospitationsphase werden die gemeinsamen Erlebnisse besprochen und ausgewertet. Die Schüler und Schülerinnen fertigen Protokolle und Berichte an. Darüber hinaus gibt es eine ständige inhaltliche und methodische Revision. In den Planungsgesprächen wird das weitere gemeinsame Vorgehen eingehend besprochen und kritisch hinterfragt. Gute Unterstützung erfährt das Projekt auch durch Lehrer- und Schulkonferenzen nicht zuletzt durch Eltern, Gremien, Klinikleitung und Medien/Presse. In gemeinsamen Unterrichtsabsprachen z. B. in den Fächern SP/RE/BIO/POL erfolgt eine weitere Koordination im Kollegium und Sicherstellung des Fortgangs der Entwick-
lung. Zukünftig wäre es wünschenswert, wenn ältere Schüler und Schülerinnen eine Übungsleiterausbildung im Bereich "Behindertensport" durchlaufen würden, um das Projekt weiter zu unterstützen.6. Welche nächsten Schritte sind geplant?
Das Projekt schlägt Wellen: Neben dem Engagement mit der Schloßbergklinik Bad Laasphe arbeitet das Gymnasium Schloß Wittgenstein zusammen mit der Kommune, dem "Deutschen Städtetag' und dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Soest im Bereich: "Kooperation in Zusammenhang mit der Gestaltung des Schullebens und der Öffnung von Schule" (GÖS).So gehörte man mit diesem Schulprojekt auch zu den 12 Präsentationsschulen beim landesweiten Schulsportsymposium in Soest am 24. und 25.9.1998. Darüber hinaus steht eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundesverband und dem Landesverband der DMSG NRW in den Bereichen: "Sporttherapie und MS" und "Rollstuhlsport" im Mittelpunkt. Auch eine engere Kooperation mit der Universität Marburg, Fachbereich Sportwissenschaft/Sportmotologie ist geplant.
Mittlerweile wird mit der Stadt Bad Laasphe ein Behindertenführer konzipiert. Dazu ist bereits ein Arbeitskreis eingerichtet worden, in dem Schüler und Schülerinnen, Pädagogen, Vereinsvertreter und Politiker ihre Erfahrungen einbringen können. Schließlich wird eine gemeinsame Aktion zum 10-jährigen Bestehen des Schulprojekts "Miteinander - Füreinanderg" des Gymnasium Schloß Wittgenstein im Jahre 1999 geplant. Dieses soll im Rahmen der Projektwoche am GSW realisiert werden. Zusätzlich gibt es Überlegungen zur lnstallierung von Betriebspraktiken und Universitäts- hospitationen im Bereich "Soziales" für Schülerinnen und Schüler der Sek. 11 des Gymnasium Schloß Wittgenstein.Fazit: Kranke und Gesunde sind mit großer Begeisterung und Engagement bei der Sache. Gehandikapte und Nichtgehandikapte lernen voneinander. Viele Freundschaften sind in den letzten Jahren geschlossen und Kontakte zu vielen Organisationen und Verbänden geknüpft worden, so auch zum Behindertensportverband Triptis in Thüringen. Zukünftig sollten sich mehr Teams bilden, wo Kranke und Gesunde miteinander lernen und füreinander eintreten.
Schulprojektleiter: Wolfgang Henkel